X-PALME / CHARTA VON DUBAI – Dubai, V.A.E.

EIN MANIFEST URBANER ANPASSUNG: Dieses Manifest wurde zu einem Zeitpunkt abgefasst, an dem der globale Immobilienmarkt zum wiederholten Mal zusammengebrochen war. Wenn wir uns umsehen, finden wir uns wieder in den Ruinen einer Investmentpraxis, welche auf erstklassige Räume baute: Shoppingcenter, Businessparks, Gated Communities, Refugien und Ressorts.

Sie wurden gebaut, um am aufgeheizten Immobilienmarkt zu spekulieren, nicht aus Notwendigkeit oder um dort zu leben. Auf der Palm Jumeirah wurden Villen zehn Mal gekauft und wieder verkauft, bevor der erste Stein gelegt wurde. Die Preise verdreifachten sich und als sie danach fielen, waren die Eigentümern Menschen, die nie ein Interesse daran hatten, dort zu leben. In der Folge bleibt von diesem disfunktionalen Themenpark nur das entworfene Grundgerüst zurück, buchstäblich der aufgeschüttete Boden, Straßen, Installationen und Kanalisation und die Gebäudesubstanz.
Das Manifest gründet sich auf der Annahme, das diese Luxus-Fluchtburg unweigerlich zurückerobert werden wird. Wird diese Vereinnahmung von selbst passieren, durch Verfall, Auflösung oder Besetzung? Oder werden sich Architekten und Stadtplaner der Aufgabe stellen, diesen Ort wieder zu integrieren, in einen Kontext einer zukünftigen offenen Stadt  – und sie so den  Dynamiken der städtischen Umwelt übergeben?

Die Palm Jumeirah, auch Palm Dubai genannt, ist nicht nur eines der spektakulärsten Premium-Resorts, sondern aufgrund seiner Figur auch ein Paradigma und Diagramm der internen Organisation und den Beziehungen nach Außen. Deshalb dient die Palme als Fallbeispiel für Kritik und als Testobjekt für eine Transformation.
Die Projekt basiert darauf, dass dergestaltige Luxus-Refugien des letzten Immobilien-Booms, im Bezug auf Kapital, Sachverstand und Arbeitskraft eine erhebliche soziale Investition darstellen. Anstatt sie abzulehnen, zwingt uns ihre bloße materielle Existenz, eine Utopie von innen heraus zu denken um einen Wiederverwertungsprozess zu beginnen.

Das infrastrukturelle Skelett, entledigt des “Specks” einer Ökonomie der Aufmerksamkeit und Spekulation, ist die Substanz, mit der gearbeitet werden soll. Die “Charter von Dubai” ist ein Aufruf an Architekten und Planer, Maßnahmen der Transformation, die auf alle Premium-Refugien anwendbar sind, zu erforschen und zur Wirkung zu verhelfen.

re:form – Vom spektakulären Bild zur urbanen Gestalt
re:cover – Von der Tabula Rasa zu dynamischen Umwelten zwischen Wind und Wasser
re:source I - Von fossiler Abhängigkeit zu regenerativer Autarkie
re:source II – Von Klimaanlagen zu Schattenspiel und Windbrisen
re:block – Von bewachten Kontrollpunkten zum offenen Raster
re:lock – Von automatischen Schranken zu artikulierten Schwellen
re:divide – Von Exklusivität zu kultureller Diversität
re:gain – Von Spekulation mit Eigentum zu sozialer Aneigenbarkeit
re:plot – Vom Anwesen zur Wohnmöglichkeit
re:use – Von ungenutzten Vorgärten zu schattigen Höfen
re:view – Von der Werbekatalog-Villa zur lokalen Bauform

Die “Charter von Dubai”  befasst sich mit Themen des Marketing, umweltschützender Nachhaltigkeit und sozialer Verankerung. Präzise formale Anpassungen, vergleichbar mit denen eines Änderungsschneiders, führen dazu, dass eine breitere Klientel angezogen wird, fördern Biodiversität, verbesserndie Anbindung und Vernetzung, steigern Dichte und Erschwinglichkeit, ermöglichen die Herstellung lokaler Nahrungsmittel und Deckung des Eigenenergiebedarfs und passen Wohnbauten und öffentlichen Raum dem Wüstenklima an.

Auch ein Immobilienobjekt, das niemals als veränderbar geplant war, bietet Chancen, wenn man es als Rohmaterial begreift, das dem Feld eines kritischen Städtebaus überreicht wird.

 

 

entwickelt zur 4. Internationalen Architektur-Biennale Rotterdam (IABR)

Text, Design und Editing: Sabine Müller und Andreas Quednau
Collaborators: Timothy Moore, Laura Saether, Tanner Clapham, MatthiasTitze, Robert Gorny

Research: SMAQ in Zuammenarbeit mit Technische Universität Berlin
(Milia Abou-Rjeili, Violeta Burckhardt, Hao Chen, Jianyi Du, Cecilia Fossati, Nicola Gnes, Pascal Hentschel, Yue Ren, Bruno Schnellrath, Alon Shikar, Maciej Sokolnicki, Jesus Villanueva Salcedo; Tutor: Andreas Quednau)
und Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. (Chloé Arduin, Andrès Casares, Sarah Fruit, Martin Häckl, Fabrice Henninger, Hyunki Shin, Miaomiao Wang; Tutor: Daniel Schönle)

Besonderer Dank an: Can Altay, Kees Christiaanse, Phillip Misselwitz, Daniel Schönle, Alex Wall, Klaus Zillich

Copy Editing: Timothy Moore

 

ausgewählte Projekte, Forschung, Nachhaltigkeit, Stadt
01/09/2009