Überhafen – Hamburg

Hamburg hat der Lage an der Elbe seinen Wohlstand sowie seine landschaftliche Qualität zu verdanken. Die Lage war jedoch auch immer mit der Gefahr des Hochwassers verbunden. In diesem Spannungsfeld – die Vorteile der Wasserlage nutzend und sich vor der Naturgewalt des Wassers schützend – hat sich Hamburg seit seiner Gründung entwickelt. Neben der Reaktion auf die Dynamiken der Gezeiten fordert die Lage am Wasser immer wieder Anpassungen an die steigende Höhe und Häufigkeit der auflaufenden Sturmfluten. Jede Phase der Anpassung an die jeweils aktuellen Erfordernisse hinterließ Spuren in der Topographie und Morphologie der Stadt und war wiederum Ausgangspunkt für die nächsten Anpassungen an neue und gestiegene Anforderungen.

Das Gebiet der HafenCity ist daher vergleichbar mit einem Palimpsest, bei dem die Spuren älterer Texte weiterhin stellenweise erkenn- und lesbar sind und den neu zu schreibenden Text beeinflussen. Hier, außerhalb der Hochwasserschutzlinie, findet bis heute das Aushandeln der Notwendigkeit und des Wunschs nach Nähe zum Wasser, der Schutz und das Ausweichen vor der Naturgewalt des Meeres sowie die sukzessive Anpassung an neue Höchstwasserstände im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen seinen baulichen Ausdruck. Die Gegenwart kann nur Momentaufnahme sein.

Ziel ist es den als Klimafolgen-Management ohnehin anstehenden Handlungsbedarf, der eine nicht unerhebliche Investition für die Stadt und ihrer Bewohner darstellt, in einen Mehrwert zu verwandeln und damit über Sicherheitsaspekte hinaus stadtbau-politische und gesellschaftliche Fragen anzugehen. Im diesem Sinne schlagen wir vor, das Stadt-“Palimpsest“ in unterschiedlichen Zeithorizonten fortzuschreiben. Entsprechend werden die Potentiale und Notwendigkeiten in zwei Fallstudien, Oberhafen und HafenCity, mit unterschiedlichen Strategien, als Initial und Vision, umgesetzt. In beiden Fällen wird durch Hochwasser-Schutzmaßnahmen, geplant für den Ausnahmefall (Sturmflutung), ein alltäglicher kollektiver Mehrwert geschaffen.

ÜBERHAFEN – OBERHAFEN: Das Areal des Oberhafens befindet sich auf historischem Niveau von +5,00 üNN und ist derzeit nicht hochwassersicher ausgebildet. Für die angestrebten Nutzungen ist aus Sicherheitsgründen eine Umgestaltung hinsichtlich eines Rettungswegkonzepts und einer Hochwasserschutzstrategie notwendig. In der Randlage des Oberhafens werden stadtentwicklungs-politisch andere Ziele verfolgt als in der übrigen HafenCity. Eine andere Art der Aneignung der Stadt soll hier möglich werden – sowohl unter ökonomischen als auch baulichen Gesichtspunkten. Dafür sind offene, prozess-orientierte Stadtentwicklungsstrategien notwendig.

Überhafen schafft mit einer Strategie des Zulassens eine neue Stadttopographie, die die historischen Spuren aufgreift und weiterentwickelt sowie den Bezug dieser „Rückseite“ zur übrigen HafenCity und zur Stadt herstellt und so einbindet.
Überhafen wird sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne auf drei Ebenen aktiv und ergänzt gezielt punktuell den Bestand:

1 RETTUNGSWEGKONZEPT – eSCAPE-landSCAPE: Das Rettungswegekonzept schlägt eine neue Topographie als Infrastruktur für eine hochwassersichere Verbindung zur HafenCity-Ost, auf dem Niveau +8,30 üNN, zum neuen U-Bahnhof ‘HafenCity Universität’ und über eine neue Brücke hinter die Deichlinie vor. Sie ist landschaftlich extensiv gestaltet und nimmt den Maßstab der Umgebung des parallel verlaufenden Bahnkörpers sowie des am gegenüberliegenden Ufer gelegenen Großmarkts auf. Die Pflanzung mit Obststräuchern stellt eine Verbindung mit der Geschichte des Orts als Umschlagplatz für Obst und Gemüse her und bildet so ein buntes und lebendiges Vis-à-vis zum Großmarktareal. Im Verlauf des Jahres verändert sich die Farbigkeit und Intensität. Himbeeren und Physalis laden zum Selbst pflücken ein. Lupinen wachsen wild und farbig entlang der Böschung. Ein alltäglicher Ort mit einer besonderen Atmosphäre für neue Rituale mitten in der Stadt.

 

Auftraggeber: IBA Hamburg, HafenCity GmbH
Team: Sabine Müller, Andreas Quednau, Robert Gorny, Jessica Tankard
mit Anna Viader

 

Forschung, Landschaft, Nachhaltigkeit, Stadt
31/05/2011